Xenophon. Oder über die Ökonomie

TEIL I: Einführung zu den vier Todsünden der Wirtschaftswelt

XENOPHON: Man nehme an Wirtschaft bedeute nichts weiteres als einen Tauschhandel von Gütern und Dienstleitungen. Gesetzt, nicht alle „Mitteilnehmer“ würden davon richtig profitieren oder überhaupt richtig teilnehmen können. Die Ersteren sind Ein-Euro-Arbeiter, also jene die weniger verdienen als recht ist oder fast nicht verdienen. Die letzteren sind Arbeitslose. Die Billiglohnarbeit, die Arbeitslosigkeit, die mangelnden Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung der Umwelt sind die vier apokalyptischen Reiter der modernen Wirtschaft. Die Menschheit ist fähig die ersten drei zu überstehen, wenn nicht der letztere eine Gefahr für das Ökosystem darstellen würde.

Der Lehrmeister Xenophon sah sich die vier Schüler an, die an diesem extremen Tag den Mut hatten, überhaupt an der Lehrstunde zu erscheinen. Xenophon war stolz auf sie und dachte, obwohl keiner von ihnen noch im Heer gedient hatte, waren sie jedoch sehr tapfer. Er fuhr mit seiner Vorlesung mühsam fort und dacht seine Vorlesung auf die sogenannten vier Todsünden der modernen Wirtschaft zu verkürzen. Einer seiner Schüler unterbrach ihm.

THRASYMACHOS: Meister, ich hoffe die Natur könnte uns bessere Arbeitsbedingungen ermöglichen, sonst würde ich bei ihrem Beklagen.

Es kam zum allgemeinen Gelächter.

ZÉNON: Nun wäre der Mensch nicht so arrogant gegenüber der Natur wäre sie nicht so harsch zum Menschen.

Th: Aber die Natur hat nicht einmal Eigenwert! Wir müssen sie beherrschen, um sie zu überleben. Die Natur kennt keine Moral und kein zivilisiertes Recht, bloß das Recht des Stärkeren. Eine Unterwerfung der Natur ist für unsere Spezies das Ende unseres Glücks und unserer Freiheit.

Zén: Ich wage es zu widersprechen!

Der Lehrmeister wusste, dass dies eine endlose Debatte auslösen würde.

Xen: Bitte verschieben sie beide ihr Gespräch nach dem Ende meines Vortrags. Es sei denn sie würden etwas zu den vier genannten Mängeln etwas zufügen.

HYPATHIA: Es erscheint mir, o Herr Lehrmeister, dass diese vier eine gemeinsame Wurzel hätten.

Xen: Dies ist eine gewagte These, aber was gäbe es, dass darauf deuten könnte?

Hyp: Optimistisch gemeint, wäre der Mangel an Ressourcen die Ursache für Ausbeutung von Menschen und Natur. Pessimistisch gemeint wäre die Raffgier der Arbeitgeber die Ursachen dieser Übel.

ARISTON: Sie vergessen aber die Arbeitslosigkeit.

Hypathia ärgerte sich sehr. Dies spiegelte sie in ihrem bösen Blick wider. Ariston verärgerte sie gerne. Sie erschien ihren Kameraden nur hässlich, wenn sie erzürnt war, durch die Arroganz eines Besserwissers.

Xen: Bitte nennen sie, Herr Ariston, mir die Wurzel der Arbeitslosigkeit.

Ari: Die Mangel an Willenskraft des Arbeitsgebers oder des Arbeitnehmers.

Thr: Der Mangel an Ressourcen oder an Tugenden sind die zwei Ursachen der Schwächen des Systems. So sehe ich dies jedenfalls.

Xen: Danke für ihre Antworten.

Xenophon wunderte sich, dass seine Schüler so motiviert waren zu debattieren. Er selbst wagte es nicht ohne eine Amphore voller Brunnenwasser weiter zu reden. Jede Stunde brauchte er eine neue.

Xen: Fahren wir aber nun weiter. Die Niedriglohnarbeit ist nach Meinung vieler eine Art moderner Sklaverei, mit dem unterschied, dass der Sklave in manchen Fällen seinen Sklaventreiber aussuchen kann. Ich sage in manchen Fällen, weil eine Auswahl unter dem Druck eine Arbeit zu tun, die man nicht will mindestens zwei Optionen bedürfen. In vielen Fällen gibt es nur einem modernen Sklaventreiber. Der moderne Sklave hat zwar Recht auf Leben und Gesundheit und eigener Meinung, doch seine Arbeit ist gegenüber seinem Gehalt sehr disproportioniert. Folglich kann er mit seiner Bezahlung nicht in „Würde Leben“ wie Immanuel Kant sagen würde. Dies sollte in einem Staat, dem sein oberstes Prinzip die Menschenwürde ist, nicht vorhanden sein. Die Akzeptanz der Armut unter Arbeitern, die zu wenig verdienen als recht ist, ist auch nicht mit der Apologie, dass die Ressourcen zu knapp sind um sie gerecht zu verteilen.

Für Xenophon genügt es nicht die Menschenwürde verteidigen zu wollen, sondern auch erfolgreich zu erhalten. Das Gesetz ganz streng mit der Realität genau zu vergleichen hatte früher bei seinen Schülern großen Unmut gefunden, weil sie mehr als einmal ihre Meinung dadurch verifizieren mussten. Inzwischen haben sie sich aber daran gewöhnt.

Xen: Der Apologet Meletos meinte die sozialen Ungleichheiten seien naturgegeben. Folglich seien alle Änderungsversuche nichtig. Wenn aber eine bessere Ordnung nicht machbar sei, so frage ich mich, dann wären Wohlfahrtsorganisationen oder ein Großteil der staatlichen Institutionen längst abgeschafft worden. In der (angeblich natürlichen) Ordnung zu verweilen führt auch unvermeidbar die Entwicklung vieler Missstände. Kriminalität, Korruption uns soziopolitische Unruhen sind einer der folgen. Dem Sozialstaat abzubauen, ohne eine lebensfähige alternative zu finden, ist der erste Schritt zum Weg einer schlecht funktionierenden Gesellschaft. Die Gesellschaft hat ihre Nützlichkeit dadurch, dass jeder jedem einem Dienst leistet. Die schlecht gezahlte Arbeit ist eine Annährung der Sklaverei, die den Sklaven per Definition keinen Nutzen davontragen. Wenig nutzen hat der Ein-Euro-Job, der gilt als moderne Sklaverei. Der Staat und die Gesellschaft erscheint wenig macht oder wenig willen daran zu haben die Verarmung oder Vermehrung der Niedriglohnarbeiter aufzuhalten.

Zén: Meletos würde sagen nur der Arme, kann sich selbst aus der Armut retten. Aber er vertritt hinzu einen strengen Individualismus. Über die Wirtschaft spricht er von einem „ökonomischen Krieg aller gegen alle“. Neben den konkurrierenden Geschäften gäbe es auch innerhalb der Geschäfte eine starke Konkurrenz.

Thr: So funktioniert aber die Wirtschaft. Wirtschaft ist ein Tauschhandel unter Egoisten der auch, wie Meletos klar gezeigt hatte, von egoistischen Konflikten begleitet wird. Cato kritisierte Meletos, dass dieser Krieg Regel bedarf, sonst gäbe es keinen Gewinner und nur Verlierer, aber er gab stilschweigend zu, dass wir aus von diesem Konflikt nicht ganz loslösen können. Ich glaube, dass in jeder Gesellschaft Interessenkonflikte gibt, die nur mit Konfrontation oder mit Kompromisse zu lösen sind. Kompromisse sind nur für eine gewisse Zeit erfüllbar, weswegen die Interessen entweder ständig oder zyklisch in Gefahr geraten. Konfrontation oder mit Kompromisse müssen folglich immer wieder als Lösungsoptionen angewendet werden.

Zén: Ich wusste nicht, dass sie Friedensforscher seien Herr Thrasymachos!

Thr: An eine soziale Ordnung, die funktioniert habe ich mindestens genauso viel Interesse wie sie Herr Zénon! Das müsste ihnen doch sonnenklar sein.

Zén: Sie reden aber die meiste Zeit leidenschaftlich über soziale Unruhen und internationale Konflikte.

Thr: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Friedensforscher dies permanent tun. Sie Herr Zénon noch nie einen zu Gesicht bekommen haben.

Hyp: Das liegt daran, dass sie Krankheiten meisten nur dokumentiert haben, aber es nützt nichts, wenn somit kein Heilmittel oder keine Behandlung gefunden werden kann.

Thr: Ich entwickele aber auch ein „Gegengift“, denn um ein Problem zu lösen muss man es diagnostizieren. Anders geht es nicht.

Xen: Sowas in der Art habe ich als ihre Hausaufgabe vorgesehen, allerdings muss wieder das Thema Niedriglohn aufgegriffen werden. Unter einem Niedriglohn verstehe ich so wenig Geld zu verdienen, dass die Gesundheit dadurch gefährdet wird. So wie der Mensch veranlagt ist braucht er, Medizin, Nahrung, Behausung, Bekleidung und sonstiges mehr. Wenn er seine Grundbedürfnisse nicht zufrieden stellen kann, ist seine Gesundheit oder auch sein Leben in Gefahr. Die Wirtschaft hat als erste Aufgabe die Gesundheit der Gesellschaft zu schützen. Ein Tabakverkäufer ist zwar genötigt Gift mit Gegenständen mit symbolischem Wert auszutauschen, um seine Gesundheit sozusagen bezahlen zu können. Allerdings kann man, ohne die biologischen Umstände zu kennen, nicht die Wirtschaft verstehen.

Ari: Das ist die Grundlage der Wirtschaft, aber es gibt viele Berufe, die nichts oder nicht direkt mit der Gesundheitsversorgung zu tun haben.

Xen: Das stimmt, doch viele wie ich vermuten, dass aus Unkenntnis vom wahren Wesen der Wirtschaft, wenig für das Gesundheitswesen unternommen wird.

Hyp: Nicht nur das Material ist zu wenig vorhanden oder in schlechter Qualität, auch das Personal arbeitet für wenig Geld in schlechten Arbeitsverhältnissen.

Xen: Dies sind zwei der vier Todsünden Frau Hypathia. Wie sie dargelegt haben, werden gerade jene die wir unsere Gesundheit anvertrauen sehr schlecht bezahlt. Niemand bezahlt gerne Steuern, vor allem wenn zwei Drittel der Ratsmitglieder nicht anwesend sind, um zu beraten ob im Mali militärisch interveniert werden sollte oder nicht. Ein homo politicus kann die Arbeit von drei homini politicus erledigen, doch wenn es darum geht mit den Steuergeldern Arbeitsplätze zu retten, wollen Politiker lieber ihre Mandate verteidigen. Politiker kommen und gehen doch Ärzte bleiben. Wenn es aber um die indirekte Bezahlung des Krankenhauspersonals geht ist dies ein großer Trost.

Auf diese Worte trank Xenophon sein inzwischen lauwarmes Wasser aus der Amphore.

Xen: Der Niedriglohn, so denken es die Apologeten Kallikles und sein Lehrmeister Agathokles, sei ein wesentliches Prinzip des Wirtschaftssystems, denn ohne ihn könne er nicht funktionieren. Wohlgemerkt, dass dies kritisch, aber nicht systemkritisch gemeint ist. Beide sind fest von einer hierarchischen Gesellschaft überzeugt wo die Reichen Herrscher sein sollten und nicht-reiche Personen nicht an politischen Entscheidungen aktiv beteiligen sollten. Arme müssten sich zureichend bereichern, um eine politische Karriere starten zu können. Hungersnot und Brotaufstand sollen zwar demnach vermeidet werden, doch hätten die ärmeren Schichten grundsätzlich ihre Stellung zu akzeptieren. Es gäbe keine Gesellschaft, die ohne Niedriglohn auf Dauer überleben würde. Die Bekämpfung des Niedriglohns sei demnach unsinnig. Wie ihr wisst bin ich nicht der Meinung dieser zwei, denn es gibt genügend Beispiele um sicher zu sein, dass es genügend Ressourcen für alle gibt. Im Jahr 2011 gab es 7 Milliarden Menschen und auch genug essen um 12 Milliarden ernähren zu können. Der Überfluss des Reichtums zeigt auch, dass es Personen gibt, denen man 90% ihres Besitztums enteignen könnte, ohne, dass sie verhungern würden.

Zén: Die sozialen Ungleichheiten zeigen, wie willkürlich Löhne aufgestellt werden. Gerechtigkeit oder Realitätssinn spielen meistens keine Rolle. Gegenüber der Disproportion der Löhne müsste man einen Prozesskrieg gegen Arbeitgeber tun, die ihre Arbeitnehmer schlecht bezahlen.

Thr: Sie spielen wieder einmal den Erzmoralisten Herr Zénon, doch die Wohlhabendsten würden lieber gegen den Staat in den Krieg ziehen als sich von Staatsmännern sagen zu lassen, dass ihre Arbeitskräfte regelrecht bezahlt werden sollte.

Xen: Nebenbei wird auch gerechtfertigt, dass eine faire Bezahlung die Arbeitsplätze existenzunfähig machen würden. Demnach müssten sich die Niedriglohnarbeiter zufriedengeben oder arbeitslos werden. Doch offen gesagt, wenn der Arbeitgeber das Hundertfache verdient, als das was er wirklich braucht, empfinde ich eine solche Argumentation für eine billige Täuschung und wenn ihr gefragt werdet, ich habe dies nicht gesagt, sondern bin objektiv geblieben.

Allgemeines Gelächter brach aus.

Xen: Nun denn, dazu will ich noch sagen, dass der sehr starke Mangel an Ressourcen oder sehr harsche sozialen Ungleichheiten, laut den Forschern, soziale Unruhen nahezu nicht ausschließen. Die Diktatoren in Nordafrika oder Südarabien, die 2011 gestürzt waren meines Erachtens zum Teil selbst daran schuld. Die Ausbeutung der eigenen Bevölkerung konnten sie durch ihren extravaganten Reichtum und ihrer Vetternwirtschaft kaum verheimlichen.

Zén: Oft sind leider Revolution nicht immer für eine Verbesserung gut. Nur Karthago[1] hat seinen Kleptokraten verjagt. Nebenbei weiss man aus Erfahrung, dass ein demokratischer Sozialstaat nicht so einfach zu errichten ist.

Ari: Der Staat sollte solche sozialen Ungleichheiten nicht gedeihen lassen, falls der Arbeitsgeber wirklich finanziell so schlecht liegt, dann müsste die Gesellschaft den Mindestlohn eines solchen Arbeiters bezahlen. Wenn es zu wenige Ressourcen gibt, um alle versorgen zu können, dann sollten mehr produziert werden. Am besten durch eine Art Heilsarmee aus Wohltätigkeitsvereinen, die für solche sozialen Katastrophen zuständig sein sollten. Die Arbeitslosen könnten sich solchen Vereinen anschließen, so kann niemand ihnen vorwerfen faul zu sein.

Xen: Interessante Überlegungen Herr Ariston. Dies könne sie später in ihrer Hausaufgabe schreiben. Hinzu muss auch gesagt werden, dass der Niedriglohn im Zeitalter der globalisierten Wirtschaft oft verlegt wird oder wiederkommt. Die großen Konzerne suchen sich nämlich die Länder aus, deren Einwohner den niedrigsten Lohngehalt haben. Diese desertieren zu jedem billigeren zu den ersten Gelegenheiten. Sie sind allegorisch gesagt eine Mischung aus Söldnern und Nomaden. Dies zeigt auch, wie stark die Wirtschaftswelt die Regionen des Globus vernetzt, und zwar nach dem Interesse der Konzerne. Diese Verbindungen ist auch dies was nationalistische, souveränistische und autarkische Bewegungen nicht verstehen wollen. Die völlige Abhängigkeit von der globalen Weltwirtschaft kann nur von den wenigsten gewollt werden, wenn man ihre Vorteile für die Wirtschaft erkennt. Aber ich muss auch hier eine berechtigte Kritik des internationalen Handels erläutern. Es ist bei weitem nicht zu der fairen und gerechten Bezahlung der Arbeitskräfte gekommen. Dies stimmt, doch die Arbeiter können, so denke ich sich ihre Freiheit kurz- oder langfristig erlangen. Meistens ist es ein Prozess, der die gerechtere Wirtschaft der Globalisierungsart in den jeweiligen Ländern durchsetzt.

Thr: Eine optimistische Einschätzung, doch was wäre, wenn dieselbe Misere andauert?

Xen: Ich gehe davon aus, dass nur das natürlichste ewig ist, alles andere ist vergänglich. Aus Reichtum kann Armut entstehen und aus Armut Reichtum. Alte Staaten hatten eine wirtschaftliche Blütezeit doch sind nun Bitterarm. Ehemals bitterarme Staaten wurden sehr reich.

Thr: Dann wäre dieser Optimismus bedingt durch eine zyklische Chronik.

Ari: Bitte erlauben sie mir diese Bemerkung. Häh?

Allgemeines Gelächter brach aus, nur Xenophon versuchte sein Lächeln hinter seinem Bart zu verstecken.

Xen: Herr Ariston, könnten sie ihre Bemerkung vertiefen?

Allgemeines Gelächter brach wieder aus.

Ari: Thrasymachos gefällt wohl diese zyklische Lesart der Weltgeschichte. Ich bin mir sicher er leitet dies auch auf das Alltagsleben ab.

Thr: Ja wie im Fall der Arbeitsperiode und Arbeitslosigkeit. In den meisten Fällen können Arbeitslose auf langfristigerweise eine Arbeit finden. Ich meine, wer nach 30 Jahren keine Arbeit findet, der ist sicher ein Faulpelz oder hat durch ein Wunder ganz viel Pech. Wenn sowas ein Wunder genannt werden darf.

Xen: Zum Thema Arbeitslosigkeit werde ich gleich kommen; ich werde nur noch eine Bemerkung zum Aufstieg und Fall von Freiheiten in der Weltgeschichte erläutern.

(Fortsetzung folgt im Teil II: Das Wesen der vier Todsünden der Wirtschaftswelt)


[1] Heutiges Tunesien.

Julien Sita, 4. Januar 2021

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