Die Zehn Gebote können m.E. in zwei Kategorien unterteilt werden. Die ersten drei Gebote sind theologische Gebote und letzten sieben sind sittliche Gebote. In den ersten Drei werden die wichtigsten Prinzipien der jüdischen Religion festgelegt (Monotheismus, Verbot anderer Götter sowie Gottesbild, Missbrauchsverbot von Wort Gottes). Hier kann das Gute, nach platonischer Tradition laut seiner ungeschriebenen Lehre, als das „Eine“ gedeutet werden. Das gute als das (oberste) Eine kann in einer judeo-platonischen Leseart mit Gott gleichgesetzt werden. Zwar war die Lehre vom Monotheismus lange vor Platon entstanden, aber späterhin haben sich jüdische Philosophen wie Philon von Alexandria an Platon interessiert und sich von seiner Philosophie beeinflussen lassen. Platon war nämlich in der jüdisch-christlichen Tradition einer der beliebtesten griechischen Philosophen. Das Bilderverbot könnte ein Platoniker als Deutung für die Überlegenheit der Vernunft und ihrer Ideen gegenüber den Sinnen und ihrer Sinneseindrücke angesehen werden. Das Missbrauchverbot könnte ein Platoniker als ein Gesetz gegen Täuschungsversuche ansehen. Nämlich einer Täuschung wo das Gute als das Schlechte und das Böse als das Gute vorgeführt werden.
In den letzten Sieben werden die sittliche Verhaltensregeln festgelegt. Das Vierte Gebot verlangt nach sechs Tagen Arbeit einen Ruhetag höchstwahrscheinlich um Überarbeitung zu vermeiden. Der Ruhetag wurde zudem als ein Geschenk Gottes angesehen, der aus gutem Willen Geschenkt wurde. Mit dem fünften Gebot wird eine Teleologie gedeutet: die Verehrung der Eltern soll ein langes und gutes Leben im Heiligen Land ermöglichen. Dies kann als ein Grundbaustein von Ahnenrespekt, Unmündigkeit bis zum Tod beider Eltern und teilweise auch als den traditionellen Patriarchalismus angesehen werden. Die Stammesgemeinschaft war offenbar sehr auf die Familie basiert.
Die Verbote von Mord, Ehebruch, Diebstahl und Falschaussagen über seinen Mitmenschen sind Verbote die als vier Eckpfeiler der Grundbedingungen des Zusammenlebens angesehen werden. In allen oder fast allen Kulturen sind diese vier Handlungsarten unabdingbar, damit eine Gesellschaft existenzfähig bleiben kann. Die Enthaltung dieser Missstände passt m.E. auch gut in die dritte Kardinaltugend Platons: die Besonnenheit. Im Fall von fremdgehen muss bedacht werden, dass Männer die eine Affäre hatten, in der Antike nur sehr milde oder/und inoffizielle Sanktionen vergeben wurden. Frauen die fremd gingen, wurden hingegen zur dieser Zeit in diesen Regionen mit Steinigung verurteilt. Das letzte Gebot, was selbst Begierde fremder Eigentümer untersagt, wurde wahrscheinlich dadurch gesetzt, weil die Israeliten als befreite und entkommene Ex-Sklaven in Konkurrenz zwischen einander kamen, die sind jene die mehr und jene die weniger besitzen. Offenbar waren Eifersüchtige, selbst wenn sie keine Diebe waren, in der Gesellschaft eine Plage. Das Tötungsverbot (also das 6. Gebot) und Diebstahlverbot (also das 8. Gebot) konnten nicht alle negativen Folgen der Eifersucht aufheben. Auch durch andere Mittel als durch Mord oder Diebstahl oder durch Ehebruch oder durch Falschaussagen konnten Eifersüchtige offenbar ihr Unwesen treiben, z.B. durch harsches und stiefmütterliches Verhalten gegenüber jenen, der etwas hat was man selbst gerne haben möchte. Vielleicht spielt auch die Züglungen des Misstrauen und Schutz des Eigentums auch eine Rolle. Möglicherweise glaubten die Israeliten, dass Eifersucht an sich etwas hässliches und böses ist.
Obwohl im Präambel vor der Erläuterung der Zehn Gebote die Sklavenbefreiung aus Ägypten als positiv gedeutet wird, wird im zehnten und letzten Gebot die Sklaverei in den Augen der israelitischen Ex-Sklaven dennoch offenbar als soziale Normalität angesehen. Die Zahl Zehn wurde vermutlich ausgewählt, weil Menschen Zehn Finger haben und diese Zahl somit einfacher festzuhalten ist. Die 613 Verbote und Gebote des jüdischen Volkes mussten offenbar auf zehn Grundbausteine aufbauen, die als Kanon gelten sollten und für jeden Israeliten als Basisgrundsätze verhaltet werden sollte. Die Zehn Gebote sind m.E. die kürzeste Fassung einer auf Religion basierten Moral. Ähnliche Moralgesetze existierten schon vor der Herrschaft Ramses II. im antiken Vorderorient. Im 18. Jahrhundert entstand das Hammurapi Kodex. Es wird zumindest dem König Hammurapi von Babylonien zu gerechnet. Dort gilt, wie bei den Leviten, das Prinzip dem Schaden einer Untat mit dem selben Schaden zu bestrafen. Ihr Ausgleichprinzip ist der Kern des bekannten Sprichworts „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Julien Sita, 16. Januar 2021.