Diese Briefnovelle wurde vor mehreren Monaten verfasst. Nur die Lücken wurden gefüllt und die Namen des literarischen Ichs (Yulia) und des fiktiven Adressaten (Alexei) habe ich zum Ehren der Tapferkeit für das Streben nach Freiheit der wichtigsten russischen Oppositionellen geändert. Der Ausgang der Novelle soll nicht eine Prophezeiung der aktuellen Geschehnissen in Russland sein, sondern darauf Stellung nehmen welche Wirkung Revolutionen wie die französische (1789) und russische (1917) auf die Geschichte hatten. Zehn Jahre nach der Arabellion von 2011 wollte ich eine Fiktion schreiben. Im Übrigen wünsche ich das Paar Navalny viel Glück und Erfolg. Julien Sita, 3. Februar 2021.
Lieber Alexei,
du hasst mir das letzte Mal viele Fragen über mein Leben und die kurze Geschichte meines kleines Landes Yalta gefragt, doch konnte ich sie kaum beantworten, weil ich in meiner Heimat zurückgehen musste, indem ich den Zug nicht verpasste. Wie versprochen schriebe ich dir über alle Geschehnisse soweit ich zurückdenken kann. Du hasst sicher davon gehört, dass in Kronstadt vor fünfzehn Jahren die Große Rebellion stattfand, die unser Land vor der sozialnationalistischen Partei „Blut und Boden“ (SNP-BUB) befreien sollte. Meine Eltern kämpften damals im Unabhängigkeitskrieg gegen den korrupten Regierungsrat von Yamcha. Der Premierminister unseres großen Nachbarlandes herrschte mit eiserner Hand und unterdrückte unsere Region und Heimat Yalta am allermeisten. Nahezu alle Grenzprovinzen wollten diesen Despoten loswerden oder die Unabhängigkeit erlangen. Weil sich aber die Rebellen nie einig waren, wurde eine Provinz nach der anderen zurückerobert, bis auf Yalta. Die strategisch wichtige Position unseres Landes war der Grund weshalb Yamcha unsere Unabhängigkeit nicht ohne weiteres nicht wahrhaben wollte, aber weil der Erste Minister kein Geld mehr hatte um die Kriegskosten zu finanzieren, musste er zähneknirschend den Waffenstillstand mit uns akzeptieren. Yalta feierte den Tag der Unterzeichnung des Waffenstilstandes als Großer Sieg und Geburt einer neuen Nation. Jeder Yaltai war voller Hoffnung und Glückseligkeit. Die ersten zehn Jahre unserer Unabhängigkeit waren die besten. Der Oberste Rat hatte zudem unser Wohlfahrtstaat errichtet, der bis dahin noch nie erreichten Wohlstand ermöglicht hatte. Unsere junge Gesellschaft wurde zudem freier und fortschrittlicher. Als dann aus Yamcha tausende Flüchtlinge kamen und eine Mehrheit der Parlamentarier für ihre Aufnahme stimmten, kam eine bedrohliche Partei aus dem Schatten. Aus kryptopolitischen Organisationen wurde die sozialnationalistischen Partei „Blut und Boden“ gegründet. Wegen dieser Partei haben wir unsere Werte wie die Solidarität verraten, denn je mehr Flüchtlinge wir aufnahmen, desto mehr Stimmen gewann sie. Obwohl wir noch um die 10.000 Flüchtlinge problemlos aufnehmen konnten, wurden nach den ersten Wahlerfolg der SNP-BUB sage und schreibe nur noch 79 aufgenommen. Dennoch stieg ihre Wahlergebnisse von 15% auf 45%. Sie etablierte sich zudem in den Jahren wo der staatliche Apparat die Wirtschaft immer schlechter verwaltete. Nach den „Goldenen Zehnern“ stieg die Korruption und Armut in Yalta, sowie leider auch Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Die Demagogen haben fast die Hälfte der Bevölkerung zuerst gegen Flüchtlinge, dann auch gegen andere Parteien, fortschrittsliberale Organisationen, Bürger die sie nicht zu Nation mitzählen wollte u.s.w aufgehetzt. Eine Transgender Namens Caitlyn Yenna, unterstützte diese Partei, bis sie sie besser kennenlernte.
In wenigen Monaten hatte die sozialnationalistische Partei „Blut und Boden“ nach der Auflösung des Obersten Rates endgültig seine Diktatur in Yalta errichtet. Der Terror und Rassenwahn stieg jeden Tag. Ich, Yulya Irinova fühlte mich dazu verpflichtet etwas dagegen unternehmen. Die Angst der durch die Grausamkeit des Terrorregimes stieg in der Stadtbevölkerung jeden Tag an bis manche es satt hatten und die Regierung nicht mehr erdulteten. Der Bürgermeister der Hauptstadt Kronstadt hatte vor den Ausnahmezustand verhängt und die Regierung musste fliehen. Die Kommunen von Kronstadt bildeten ihre eigenen Milizen um sich auf den Angriff der sozialnationalistischen Streitmacht (SNS) vorzubereiten. Mit den fortschrittlich-freiheitlichen Rebellen kämpfte ich in Kronstadt gegen das rassischtische Despotenregime.
Nach der Großen Rebellion stand ich im Koma und wusste nicht was der Impakt meiner Taten auf die Geschichte sind. Ich versuchte nach Antworten zu suchen. Der Arzt sagte, dass die meisten Rebellen während und nach getötet wurden und die Rebellion nach drei Monaten durch Gewalt beendet wurde. Allerdings war ich noch am Leben, weil die Partei ihre eigene Basis verlor. In der Tat konnte sie sich nicht mehr „Volkspartei“ nennen wenn sie auf das eigene Volk schoss. Die Reservetruppen haben ein Jahr später durch einen Militärputsch die Hauptstadt eingenommen und alle hochrangigen Parteimitglieder exekutiert, die an den Massakern verantwortlich waren. Die Partei wurde verboten, ebenso ihre Ideologie. Die Generäle regierten einige Jahre und bestimmten dann die nachfolgende Zivilregierung. Diese neuen Minister blieben zwar Marionetten der Generäle, die in Yalta seitdem als Königsmacher galten, doch leitete die Zivilregierung, und nicht die Junta, erstmals eine Art denazifizierung in Yalta ein. Nun hatte die Zivilregierung eine neue Verfassung in die Kraft umgesetzt. Der Ministerrat behält aber weiterhin viele Macht-kompetenzen neben einen schwachen Parlament. Die Volksvertreter im Parlament dienen nur dazu dient dem Volk minimal an der Macht beteiligen zu lassen. Yalta wurde nie wieder so frei und reich wie vor den Jahren an dem die SNP-BUB an die Macht kam. Unsere Revolution hatte zwar nicht die alte volle Demokratie wiedererrichtet, doch wurde eine grausame Einparteidiktatur durch einen moderaten Verfassungsstaat ersetzt. Dabei hatte unsere Revolution aus einer historischen Perspektive einen überdurchschnittlich positiven Erfolg gehabt. Die meisten Revolutionen ändern kurzfristig sehr wenig und oft haben sie sogar die Lebensumstände verschlechtert. Einige Male aber waren sie der Anfang eines Prozesses einer besseren Zukunft. Dies hat uns die Weltgeschichte einmal mehr in Yalta gezeigt.
Mit liebe, Yulia
Epilog
Später wurden Yulia und Alexei zu einen der zwölf reichsten Oligarchen in Yalta. Ihr Business, wie jenes anderer Oligarchen, gelangte erst mit dem Konflikt im Szeklerland in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Insgeheimen trafen sie in der Volksrepublik Weißstadt (Belgorod), dem Pufferstaat zwischen Yamcha und Osterland, mit Diplomaten der Republik Zisalpinien um eine Friedensinitiative voranzutreiben. Yulia wurde von einem Minister aus Yalta vorgeworfen wirtschaftliche Interesse am Frieden zu haben, wobei Yalia erwiderte, dass er überhaupt kein Interesse am Frieden habe.

Fahne der Volksrepublik Weißstadt (Belgorod)