Im vergangenen Jahrhundert wurden den Frauen immer mehr Rechte zugesprochen. Das steigende Selbstbewusstsein der Frauen, die Not von Frauen in nationalen Krisenzeiten durch ihre Anstrengung unterstützt zu werden, sowie der politische Opportunismus und persönliche Druck jener Männer, die den Frauen mehr Rechte gegeben haben sind meines Erachtens die Hauptursachen des feministischen Wandels gewesen.

Unsere Zeit ist geprägt vom Umbau sozialer Strukturen. Über die Vertretung in der Politik und anderen Verwaltungsgremien bis hin im alltäglichen Sprachgebrauch werden in mehreren Zivilgesellschaften Umstände und Sitten in Frage gestellt. Manche beklagen sich, dass manche Feministen übertriebene oder unnötige Forderungen haben. Ich bin dabei optimistischer, denn der Faktor, dass dies keine post-feministische Welt ist zeigt, dass der Wille zum Guten, so wie es das Gleichheitsideal es verbildlicht, nicht gestorben ist. Diese Energie für den Kampf um die gleichen Rechte kann auch dazu umgeleitet werden um damit die Demokratie zu verteidigen. Immerhin basiert die Idee der modernen Demokratie auf das Recht auf Gleichheit. Der Demokratiegedanke der Frühen Neuzeit (1500-1800) basierte sich auf dem Freiheitsgedanken, aber nur für die eigene Gruppe. D.h. weiße, heterosexuelle Männer. Manche Demokratieforscher meinen, dass die amerikanische Demokratie nicht seit mehr als 200 Jahren, sondern seit ungefähr 50 Jahren wirklich zustande kam. Erst in den 1970er Jahren seien Frauen und Homosexuelle wirklich in die politischen Partizipationsprozess ansatzweise eigeschlossen.
Während frauenfeindliche Rechtspopulisten wie in Brasilien (Jair Bolsonaro), Russland (Wladimir Putin) und den USA (Donald John Trump) als Staatschefs die Krise um COVID-19 im Jahr 2020 kläglich versagt haben, haben mehrere ihrer weiblichen Kolleginnen in anderen Staaten wie Deutschland, Dänemark, Taiwan, Neuseeland und Norwegen besser, manchmal deutlich besser abgeschlagen.
Ursula von der Leyen wurde 2019 erste Kommissionspräsidentin der Europäischen Union und 2021 wurde Kamala Harris erste Vizepräsidentin der USA. Dies ist Ironie neben der Tatsache, dass nach der Bundestagswahl von 2021 Angela „Mutti“ Merkel nicht mehr Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland bleiben will. Ihre 16-jährige Kanzlerschaft hatte nicht nur das Frauenbild in Deutschland geprägt, sie hatte das wirtschaftlich mächtigste Land der EU durch eine ganze Liste von Krisen geleitet. Immer wieder versuchte sie als Pragmatikerin versucht Konsense auf Bundesebene und Europaebene zu finden. Deutschland hatte die Krisen oft besser überstanden als andere europäische Länder. Die Europäische Union ist zumindest noch da. Aus dieser Sicht wurde sie oft die „Leiterin Europas“ und „mächtigsten Frau der Welt“ genannt.
Ihre Politik scheint weitergeführt zu werden, denn Kanzlerkandidat ihrer Partei wird Armin Laschet. Dieser konnte sich gegen den reaktionären Merkelgegner Friedrich Merz bei der Parteivorsitzwahl behaupten. Merz wurde vorgeworfen, Homophob und Antifeminist zu sein. Nun liegt es an Laschet als Merkelianer in das Rennen zum Kanzleramt zu starten.
Die sozialen Innovationen erscheinen einige Merkwürdig, mir manchmal auch. Doch geben sie mir das Zeichen, dass wir in einem Jahrhundert leben, wo Personen die Dinge zum Besseren richten wollen, solange sie nicht extreme Positionen vertreten. Die Erziehung des Menschengeschlechts ist, wie Gotthold Ephrahim Lessing vielleicht sagen wurde, eine unendliche Geschichte. Der aufgeklärte Lessing war der Meinung, dass der Gott, ein ewiges Wesen, mit der Erziehung endlicher Wesen, also der Menschen, nie aufhören würde.
Ich glaube auch, dass die Utopie, zwar erstrebenswert ist, aber nur als ein Prozess, ein Übergang zum höchsten Gut machbar ist. Weil, diese Welt nicht vollkommen ist, ist der Weg das Ziel. Schon Plato erkannte in seinem Spätdialog „Theaitetos“ dass intellektuelle und körperliche Verbesserungen nur durch Handel und Wandel möglich ist. Unsere Zeit, unser Jahrhundert ist Teil der neuesten Neuzeit, einer Zeit wo das Neue auch Normalität ist. Währenddessen war die Frühe Neuzeit für Albert Soboul noch Teil des Mittelalters. Die Neuzeit fing laut ihm um 1789 an, mit der Französischen Revolution.
Olympe de Gouges schrieb während dieser Revolution die „Allgemeine Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“. Sie wurde zwar während der Terreur, enthauptet und sechs Jahre danach wurde die Revolution von Bonaparte für beendet erklärt, doch ihre Ideale, wie weitere Ideale der Französischen Revolution, haben überlebt. Im „langen 19. Jahrhundert“ wurden stück für stück die Frauenrechte debattiert. Nach dem Ersten Weltkrieg bekamen erwachsene Frauen in vielen Ländern, wo sie zuvor für die Nationen in Kriegszeiten gearbeitet haben und die Verwundeten geheilt haben. Es scheint so als wären Patrioten erst in Notsituationen kohärent und die Frauen als Teil der Nation anerkannt. Es dauerte aber Jahrzehnte um die Geschlechterrolle der Frau weiterhin abzubauen. In Deutschland hatten die Frauen 1920 das Wahlrecht, aber erst ab den 1950er Jahre konnten sie ohne schriftliche Erlaubnis ihres Ehemannes einen Job suchen. Während den 1960er und 1970er Jahren kam es zur sogenannten Zweiten Welle des Feminismus. Nach den politischen Rechten wurden auch soziale und individuelle Rechte gefordert. Wie spannend und facettenreich diese Zeit war habe ich in der Miniserie „Miss America“ sehen können. Sie ist auf wahre Gegebenheiten inspiriert und handelt über den Kampf der Frauenrechte in den USA während den 1970er Jahre. Junge Generationen dieser Zeit haben vieles Erreicht und legten die Grundlage unserer Zeit, wo Gleichberechtigung wie jene der Geschlechter als Wert gilt. In unseren Jahrhundert, dem 21. wird Chancengleichheit unter den Geschlechtern gefordert, wobei ich gespannt und neugierig bin diese Entwicklung mitzuverfolgen.
Julien Sita, 14th February 2021.